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 RE: Marokko 2008 - Ein schriftlicher Bericht in Raten! (Teil 3) oligo 09.12.2008 15:39
 RE: Marokko 2008 - Ein schriftlicher Bericht in Raten! (Teil 3) Xiphogonium 09.12.2008 18:52
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 RE: Marokko 2008 - Ein schriftlicher Bericht in Raten! (Teil 3) Xiphogonium 14.12.2008 15:57

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oligo oligo is a male
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Hallo Mike
Echt spannend deinen Tourbericht zu lesen. Unsere Tour war auch unglaublich beeindruckend und spannend. Hammi ist n toller Mensch und hats Trilotechnisch einfach nur drauf. LG Jens
09.12.2008 15:39 oligo is offline Send an Email to oligo Search for Posts by oligo Add oligo to your Buddy List
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Tag 6, Wasserbeschaffung (wo ist der Eimer?) und Fahrt nach Zirg

Wohlan denn! Frischen Mutes quetschen wir uns in den Land Cruiser, die Fahrt geht - erst einmal entgegen unserem eigentlichen Tagesziel - nach Osten und dann kurzzeitig nach Norden, zurück auf der Strecke, die wir während der Anfahrt vor vier Tagen am Abend nur im eng begrenzten Lichtkreis der Fahrzeugscheinwerfer hatten sehen können. Wir haben nämlich kaum mehr Brauchwasser und müssen die Vorräte auffüllen. Unter Brauchwasser ist hier auch Wasser zum Kochen und für die Tee- und Kaffeezubereitung zu verstehen, da dieses automatisch gekocht wird. Die Verwendung dieses Wassers für diese Zwecke wird von allen (nicht-marokkanischen) Gruppenmitgliedern akzeptiert, weil man allgemein der Meinung ist, daß durch das Abkochen möglicherweise vorhandene Krankheitserreger abgetötet würden.


Unserem Brunnen gegenüber!

Auch wenn manche meiner Reisekameraden das vielleicht nicht gerne lesen werden: Ich persönlich halte das für einen Trugschluß, der auf der nicht zutreffenden Annahme basiert, daß das einmalige Erreichen einer Temperatur von 100 Grad oder mehr alles abtötet, was da wimmelt und wurmt! ;) Ich habe Hammi und Adid sehr oft beim Kochen zugeschaut, weil mich fasziniert, aus wie wenig man wie viel machen kann. Während bei der Verwendung von Brunnenwasser für die Zubereitung von Tajine (dem traditionellen Gemüseeintopf, der oft und gerne gekocht wird, da die benötigten Zutaten auch im Wüstenklima für einige Tage ohne Kühlung problemlos aufbewahrt werden können) das Wasser sehr lange und ausgiebig in einem Druckkochtopf brodelt, verhält es sich bei der Getränkezubereitung doch anders. Das Wasser wird oft nur relativ kurzzeitig auf eine abtötende Temperatur gebracht, jedenfalls nicht lange genug, um eine gänzliche Sterilisation des Wassers zu gewährleisten. Ich glaube daher, daß es eher unerheblich ist ob man Brunnenwasser in dieser Form kocht oder nicht – insofern es verseucht sein sollte, wird das kurzfristige Aufkochen das infektiöse Potential maximal um einen gewissen Prozentsatz verringern aber keinesfalls auf Null reduzieren – von anderen unschönen „Bewohnern“ ganz zu schweigen. Hier hilft nur das Wasser mindestens fünf Minuten durchzukochen.


Die Höhenzüge nähern sich nach Norden einander stark an, ein Paß entsteht.

Aber egal, Wasser muß sein - wir biegen in ein Tal ein, das von zwei Höhenzügen begrenzt wird, die sich am Nordende zu einer Paßenge annähern. Mitten in diesem Tal steht ein einsamer Brunnen. Wir verlassen die äußerst wellige Piste am Fuße der Felswand und kurven über Sand nahe an die aus Lehm gemauerte Umfassung heran und steigen aus. Eindrucksvoll erhebt sich zur Rechten ein Einschnitt in der Felswand, geformt von den unnachgiebigen, immer präsenten und nie nachlassenden Mächten der Verwitterung. Seit Abermillionen von Jahren nagt der Zahn der Zeit an diesen gewaltigen Auffaltungen, die die Plattentektonik hier aufgeworfen hat, und in Abermillionen von Jahren werden sie sich wieder zu dem „verkrümelt“ haben, aus dem sie ureinst entstanden sind. Davon mal abgesehen ........ Brunnen, gut und schön, aber wie kommen wir an das sicher köstliche Nass heran? Denn dieser Brunnen hat weder einen überbauten Querbalken samt Kurbel noch ein Seil mit einem Blecheimer dran .....! Wir sind eben nicht in Dawson City und statt Marshall Matt Dillon auf seinem Roß kreuzen eher temperamentvoll tramplende Trampeltiere und dröge dreinblickende Dromedare unsere Wege! ;)


Der Brunnen. Wo ist der Eimer?

Wieder lernt der unwissende Wüstenreisende etwas neues hinzu: Jaaa! Oh, jaaa ... es gibt einen Eimer, man muß nur wissen wo er ist! Damit unwissende Kalknasen wie wir (oder die ganz normalen „Touris“) nicht mutwillig oder unabsichtlich den Eimer einer zweckentfremdeten Bestimmung als Souvenir oder sonstwas zuführen, und damit einem sehr durstigen Nomaden noch mehr Durst bereiten, werden die Eimer (oder was sonst als Schöpfgerät gerade angesagt ist) an einer markanten Stelle in einiger Entfernung vom Brunnen selbst deponiert. Gut zweihundert Meter entfernt liegt ein massiver dunkler Felsblock, gut zwei Mann hoch, der sicher schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden aus dem Massiv ausgebrochen und in die Tiefe gestürzt ist. In einer seiner klaffenden Verwitterungsbrüche steckt der flexible Eimer samt Seil, mit dem Adid wieder auftaucht. Das ist also das geheime Versteck. Wenn man also an einen Brunnen kommt, bei dem etwas fehlt: Einfach mal die nähere Umgebung absuchen - wenn vorhanden, die markanten Stellen -, und sollte die Suche erfolgreich gewesen sein auf jeden Fall nicht vergessen das Gefundene wieder dort zu deponieren, von wo man es genommen hat. Im Extremfall hängt davon das Wohl und Wehe von Mensch und Tier ab.


Der Eimer an grünem Seil ist da. Woher kam er so plötzlich?


Die anderen arbeiten, ich schau zu! ;)

Die fast leeren Wassersäcke werden frisch aufgefüllt und auf den Dachgepäckträger gehievt.
Nachdem wir uns ausreichend mit dem lebenswichtigen Element versorgt haben, wird der Toyota gewendet und wir drehen nun nach Süden ab, Zirg entgegen.


Der dicke Klotz ein ganzes Stück hinter dem Baum war das Versteck!

Zuerst gilt es die Ebene zu kreuzen, an deren nördlichem Rand wir die letzten Tage am Mrakib verbracht haben. Auf der anderen Seite fahren wir ein kurzes Stück nach Westen um dann an einem breiten Paß wieder unsere Südrichtung zu verfolgen. Im Süden Marokkos fährt man eben - wie in einem gigantischen Hindernisparkour – um alles herum was zu hoch ist, und nur die Natur legt die Wege fest. Am Paß haben sich Nomaden niedergelassen, die ihre großen Zelte aus grobgewebtem Tuch aufgebaut haben. Das Tal breitet sich zu einer weiten, ausladenden, sandigen Ebene aus, die den Eindruck macht im Sommer extrem heiß werden zu können. Hammi gibt Gummi und wir sausen bisweilen nur so dahin. Im Vorüberfahren weist er uns auf eine Fundstelle hin, aus der Drotops armatus kommt, wir werden hier einige Tage später auf dem Weg nach Norden noch einen Zwischenstop einlegen. Plötzlich taucht eine kleine bunte Dromedar-Karawane auf, gefolgt von einigen nachziehenden Trekking-Touris, die meinen, Marokko zu Fuß durchqueren zu müssen (Jogg-a-desert). Jeder Geck ist anders! ;-)

Nach einiger Zeit ändern wir die Richtung nach Südwest, durchqueren einen eher savanneartig anmutenden Abschnitt mit allerlei genügsamem Gesträuch und kommen dann auf die allseits sehr beliebte Steinpiste, auf der man immer aufpassen muß, daß zwischen den kleinen Brocken nicht mal ein großer liegt. <g> Langsames Fortkommen ist angesagt. Schließlich näheren wir uns einem sich in Ost-West-Richtung erstreckenden Höhenzug und steuern auf einen sich deutlich abzeichnenden Einschnitt zu, der über einen leichten Anstieg zu erreichen ist. Zur Linken wird dieser Einschnitt von einer Formation eingerahmt, in der – schon aus einiger Entfernung sichtbar – offenbar Felshöhlen existieren, die nicht natürlichen Ursprungs sein können. Der Einschnitt selbst führt in eine von den umgebenden Felsen hufeisenförmig eingerahmte, leicht abschüssige Platform, neben der ein ausgetrocknetes Flußbett liegt.


Der neue Lagerplatz. Im Hintergrund kann man die Abgrabungen am Berg links erkennen.

Die „Sauberkeit“ des Materials dort, sowie die Größe der mitgeführten Gerölle, künden von der Mächtigkeit, mit der sich starke Niederschläge hier im Extremfall ihren Weg in die Ebene bahnen. Folgt man dem Wasserlauf „stromaufwärts“, kommt man automatisch in einen tiefen Einschnitt, an dessen südlicher, sich steil erhebender Wand die Spuren extensiver Grabungstätigkeit sichtbar sind: Man hat – den fossilführenden Schichten folgend – gewissermaßen eine Rinne um den ganzen Berg herum gegraben und dabei einen von unzähligen Füßen festgestampften Pfad eingetreten – sehr eindrucksvoll! Dieser zieht sich in einem stetigen Anstieg von unserem Lagerplatz die Felswand hinauf zu unbekannten Höhen um auf der anderen Seite des Berges vermutlich wieder abwärts zu führen, so wie die Schicht sich eben präsentiert. Überall liegt nur grob aufgeschlagenes Material herum, offenbar sucht man hier nur nach bestimmten Trilobiten. Aber bevor man die Gegend näher erkundet ist erst einmal „klar Schiff“ angesagt, sprich: Das Lager muß aufgebaut werden.


Blick vom Lager hinaus auf die Ebene. Die Formationen im Vordergrund rechts und links bestehen fast komplett aus den Überresten eines devonischen Korallenriffs.

Hier ist erst einmal eine gründliche Befreiung des Bodens von Geröll angesagt. In angemessener Entfernung vom jetzt völlig harmlos aussehenden Flußlauf und auf einer flutungssicheren Höhe (wir haben gelernt vom Aussehen und Zustand des Untergrunds auf eine entsprechende Anfälligkeit zu schließen) machen wir Kehraus und hauen manchen Stein aus dem Boden, bis man endlich das Zelt aufbauen kann ohne fürchten zu müssen nachts wie die Prinzessin auf der Erbse zu sitzen. Das anfangs sehr ungastlich wirkende Gelände verwandelt sich durch die bunten Zelte und das geschäftige Treiben schnell in eine angenehmere Umgebung, und spätestens wenn der Kaffee dampft stellt sich eine gewisse Gemütlichkeit ein. Die uns an drei Seiten umgebenden Felsen verschaffen uns nicht nur einen fast perfekten Rundumschutz gegen den Wind sondern auch ordentlich Deckung gegen die technischen Überwachungseinrichtungen des Militärs! ;-) Bald wird es auch schon dunkel, und da es den ganzen Tag über nicht geregnet hat ist endlich auf eine ruhige, sturmfreie Nacht zu hoffen .....

-- Fortsetzung folgt --

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09.12.2008 18:52 Xiphogonium is offline Send an Email to Xiphogonium Homepage of Xiphogonium Search for Posts by Xiphogonium Add Xiphogonium to your Buddy List YIM Account Name of Xiphogonium: xiphogonium
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Tag 7 - Samstag, Wochenende!

Vielen Dank für das bisherige Lob für meinen kleinen Bericht. Da ich heute leider keine große Zeit hatte, mich um eine angemessene Fortsetzung zu kümmern, halte ich mich heute mit Beschreibungen etwas zurück, und stelle dafür ein paar mehr Fotos ein ... ;)


Das neue Lager bei Zirg von der gegenüberliegenden Seite aus. Hier sieht man besser die geschützte Lage.


Blick von gleicher Stelle in die andere Richtung, hinein in den Wasserlauf. Links am Berg der Pfad der Trilojäger.


Hier noch etwas deutlicher zu sehen, wie der "Trilosteig" sich die Schicht entlang rund um den Berg zieht.


Blick vom Grund des Wasserlaufs in Richtung Lager, daß "hinter der Kurve" und natürlich höher liegt.

Mit einem penetrant gellenden, ohrenbetäubenden Pfiff aus meiner knall-orangenen ACME-Doppelfrequenz-Tornado2000-Pfeife (ich sagte ja, ich hab’ einen Ausrüstungsfimmel) und dem lauten Ausruf "Moin, ihr Luschen!" will ich kurz vor sieben Uhr morgens das Lager in militärischem Stile aufwecken - leider sind alle schon vor mir aufgestanden! Uuups <g> Das nette Flötchen wird in den nächsten Tagen jedoch regelmäßig dazu eingesetzt, die in der Ferne tätigen Ausgräber an den gedeckten Tisch zu rufen, allerdings ist der Einsatz nur nach vorhergehender Warnung an die Umstehenden zulässig, um irreversible Schäden am Gehör zu vermeiden. Zwar gibt es seitens der Ausgräber bei dennoch verspätetem Eintreffen am Freßnapf Beteuerungen, das Pfeifen nicht gehört zu haben, aber wahrscheinlich hat hier eher das stete Klopfen auf unschuldige Steine zu einer generellen Verminderung der akustischen Wahrnehmungsfähigkeiten geführt ... ;)


Hier sieht man es schon besser - einige Meter den "Trilosteig" hinauf.


Ziemlich breit hat man den Pfad hier getreten.


Einer, der den Pfad noch etwas weiter verbreitert! <g>

Gegen zehn Uhr morgens mache ich mich auf, um einen generellen Überblick über den Fundpunkt zu gewinnen. Wie bereits erwähnt zeugen Unmengen an grob zertrümmerten Geoden davon, daß hier ganz gezielt gesucht wurde - nach großen Exemplaren, während man alles was klein und auf den ersten Blick unscheinbar erschien direkt über die Schulter geworfen zu haben scheint. Und so machte sich der eine oder andere unserer Trilobitenjäger das Leben mitunter etwas leichter und zerkleinerte die noch ziemlich großen Brocken weiter, in der Hoffnung auf eine kleine feine Überraschung, was hin und wieder wohl auch von Erfolg gekrönt war.


Blick vom Trilosteig hinab und auf die andere Seite. Hinten rechts erkennt man sofort die nächste, größere Grabung.


Der Graben aus der Nähe ....


..... und mit einem der seltsamen Leute, die versuchen hier alles einzuebnen! ;)


Ganz hinten geht es nach Algerien .....!

Zuerst ging ich mal dem „Trilobitensteig“ ein paar hundert Meter nach, und traf dort auf Harald bei der eben beschriebenen Tätigkeit des Nachsuchens. Die momentan aktuellen Gräben liegen jedoch in der Senke am Fuß der gegenüberliegenden Erhebung. Überall Unmassen an aufgeschlagenem und ausgeschlagenem Material. An dieser Fundstelle scheint es allerlei feine Sachen zu geben. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Phacops, Scutellum, Cyphaspis und Cheiruriden soll es hier auch Radiaspis geben ...... 8o

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10.12.2008 19:31 Xiphogonium is offline Send an Email to Xiphogonium Homepage of Xiphogonium Search for Posts by Xiphogonium Add Xiphogonium to your Buddy List YIM Account Name of Xiphogonium: xiphogonium
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Tag 7 – Zirg, Samstag – Ergänzung

Da ich gestern leider nicht genug Zeit hatte, um meinen Bericht etwas ausführlicher zu gestalten, heute noch ein paar - meiner Meinung nach wichtige - Ergänzungen:

Um die Mittagszeit hören wir plötzlich das charakteristische Geräusch eines Zweitakt-Motors. In der Wüste trägt der Schall mitunter sehr weit, dank fehlender Störgeräusche und je nach Windrichtung (genauso wie man hier in jeder wolkenlosen Nacht problemlos die Milchstrasse ausmachen kann), und es dauerte noch ein Weilchen bis wir die zugehörigen Piloten ausmachen, die dann zielstrebig die Rampe zu unserem Lager hochjuckelten. Wie schon vor zwei Jahren in Zguilma, bekommen wir auch hier in Zirg Besuch von lokalen Trilobitengräbern, die an ihrem Claim offensichtlich mehrere Tage lang die Hämmer schwingen wollen. Wir sind, angesichts der allgemein immer noch recht kühlen Nächte, wieder einmal überrascht, mit wie wenig Ausrüstung diese Leute anrücken. Werkzeuge haben sie kaum dabei – was darauf schliessen läßt, daß sie das benötigte Material hier vor Ort irgendwo deponiert haben müssen. Mitgebracht haben sie lediglich ein paar Decken für die Nacht – wie ich später erfahre, nächtigen sie in einer der Höhlen, die es hier an manchen Ecken gibt. Offenbar haben sie auch Argusaugen, die an dunkle Nächte gewöhnt sind – denn nur das Sternenlicht und ihre fundamentalen Ortskenntnisse setzen sie in die Lage nächtens mit sicherem Tritt selbst größere Entfernungen auf steinigen Pfaden ohne Mühe zu bewältigen. Wir sitzen da nämlich gerade beim abendlichen Kaffee im Funzellicht um unseren Plaste-Tisch, als ich in der Ferne Schritte und Stimmen vernehme, und es dauert noch ein ganzes Weilchen bis ich realisiere, daß sie aus unerwarteter Richtung über den stockdunklen Bergrücken im Osten heruntertrotten ... natürlich bekommen die Jungs, insofern noch im zeitlichen Rahmen, einen Tee von Hammi und Adid, so wie Gastfreundschaft hier allerorten eben hochgehalten wird.


Was ist neueren Datums, was liegt hier schon ewig?


Nachweise von Feuersteinbearbeitung finden sich oberflächlich bis etwa zu dem schwach sichtbaren Graben hinter den beiden "Bäumen" - Blick vom Lager Richtung Norden.


Blick genau in die andere Richtung, nach Süden zum Lager.

Während des Tages hat mich Hammi auf seltsam anmutende Steinchen hingewiesen, die an unserem Lagerplatz vermehrt herumzuliegen scheinen. Es sind Flinte, Feuersteine, die hier eigentlich „geologischen Rechts wegen“ nichts zu suchen haben. Die Bearbeitungsspuren an den scharfen Kanten sprechen eine eigene, charakteristische Sprache. Wir befinden uns hier offensichtlich an einem Lagerplatz, der schon im Acheuléen, also im Paläolithikum, von Nomaden wegen seiner geschützten Lage aufgesucht wurde. Da Feuersteine in der Regel aus Formationen des Jura und der Kreide stammen, haben sie an diesem Ort, der rundherum von Gesteinen ausschließlich des Erdaltertums gebildet ist, in keinem Falle ihre natürliche Heimat.


Die Höhlen, die in einer Felsformation die linke Seite des Plateaus wie Wachtürme flankieren.


Mindestens drei Kavernen sind verifizierbar.

Sofort verändert sich mein Blickwinkel auf manche der hier anzutreffenden Eigentümlichkeiten. Unvermittelt stellt sich die Frage nach der originären Herkunft der Höhlen am Eingang dieses Plateaus, die ich bereits erwähnte. Und welche der hier zahlreich vorkommenden Steinaufschichtungen sind weitaus älter als man, aufgrund der in moderner Zeit hier stattfindenden Aktivitäten, vielleicht automatisch anzunehmen geneigt ist? Ich nehme mir vor nach weiteren Steinen dieser Art zu suchen, was mir im ersten Ansatz nicht so recht gelingen will. Hammi zeigt mir nochmal wie er es macht ---- sehr langsam über die Flächen gehen, mit gebeugtem Oberkörper und scharfen Augen. Doch immer noch halten sich meine Erfolge in Grenzen. Ich finde aber bald einen besseren, weitaus weniger anstrengenden und zusätzlich ausgesprochen ergebnisorientierten Weg, die Flinte zu finden! ;)



Diese Brocken hielten mich von einer näheren Inspektion der Höhlen dann doch ab.

Der Trick ist ebenso simpel wie effektiv: Zu einer bestimmten Zeit am Nachmittag, wenn die Sonne nur noch relativ knapp über der südlichen Felswand steht, und man in einem spitzen Winkel von Norden her über das Plateau schaut, blitzen die glatten, oft wie poliert wirkenden Feuersteine im Gegenlicht wie kleine Spiegel. Innerhalb kurzer Zeit konnte ich einen relativ großen Teilbereich des Plateaus systematisch absuchen. Es interessierte mich, ob die Nomaden der Altsteinzeit hinsichtlich ihrer Lagerplätze andere Präferenzen gehabt haben mochten als der moderne Mensch. Nach zwei Tagen hatte ich ein eindeutigtes Ergebnis: Feuersteine, daraus gefertigte Werkzeuge und die zugehörigen Abschläge fanden sich ausschliesslich an jenen Stellen, die auch von uns in Beschlag genommen worden waren. Wenn der moderne Mensch – und insbesondere der aus westlichen Industriestaaten – auch einen großen Anteil seiner natürlichen Instinkte, die ihm die Evolution über mehrere Entwicklungsstufen hinweg und in einem Zeitraum von über einer Millionen Jahre mitgegeben hat, verloren hat, so trägt er dieses Erbe doch weiterhin in sich.


Blick von den Höhlen hinüber auf die andere Flanke des Plateaus.

Das Verteilungsmuster der Flinte, von denen ich bald eine ganze 1-Liter-Plastiktüte voll hatte, und die Projektion desselben auf unser Lager, so wie es jetzt stand, hätte in jedem Indizienporozeß ausgereicht, um uns als Nachfahren derjenigen zu überführen, die in der Altsteinzeit hier lagerten. Eine deutliche Erinnerung auch daran, daß wir Mitteleuropäer allesamt einst aus Afrika ausgewandert sind, und wir hier mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich auf die Lebensspuren von Menschen gestoßen sind, die wir zu unseren Vorfahren zählen dürfen.


Stimmige Atmosphäre ....

Wie bereits mehrfach angesprochen, gab es rund um diesen altsteinzeitlichen Lagerplatz, der nun zum „Base Camp“ modernder Steineklopfer mutiert ist, mehrere auffällige Höhlen, die ich anfänglich für modernen Ursprungs gehalten habe, wovon ich nun nicht mehr überzeugt bin (amüsant, wie wenig sich die Gepflogenheiten selbst über so große Zeiträume hinweg ändern: in der Altsteinzeit haute man auf Steine ein und heute macht man es genauso, wenn auch aus anderen Motiven <g>).

Ich habe mich selbst nicht in diese Löcher hineingetraut, denn ich bin ein von Natur aus sehr ängstlicher und vorsichtiger Mensch – ein gewaltiger, überhängender Felsquader und seine bereits herabgestürzten Kumpel zeichneten vor meinem geistigen Auge unmittelbar den Alptraum eines unfreiwillig lebendig Begrabenen, und wenn ein solches Felsengrab auch dem Auferstandenen zur Ehre gereicht hätte, habe ich doch meine Zweifel, daß sich Leute gefunden hätten den Felsen „wegzurollen“. ;)

Aber der gute Rainer, den die Neugierde und seine Lebenserfahrung auch zu etwas wagemutigeren Aktionen treibt als mich, ließ es sich nicht nehmen einen Tag später den einen oder anderen Blick zu riskieren. Zumindest wurden diese Höhlen nach seinen Aussagen auch in neuerer Zeit in der einen oder anderen Form genutzt, entsprechende Überreste zeugten davon. Wann aber diese Löcher selbst in den Fels gehauen wurden und von wem, ob man lediglich – wie es an einigen Stellen anmutete – bereits natürlich auftretende Aushöhlungen nur noch künstlich ausgebaut und erweitert bzw. vertieft hatte, das konnte mir auch auf Nachfrage niemand sagen. In jedem Falle hat man von hier aus einen guten Überblick über die Ebene und die Stelle ist als Position für Wachposten geradezu prädestiniert.


Morgen werden Hammi, Rainer und ich hinab in die Ebene fahren, wir brauchen Diesel und ein paar andere Sachen. Dann einfach links weg ... auf die Piste nach Tafraoute.

Rainer entdeckte übrigens noch so manche andere Sache, so etwa eine dicke Bank aus Onyx, die sehr schöne weiß-braun gestreifte Brüche hergab, sowie dunkle, fast schwärzliche Gesteinsbrocken von blumenkohlartiger Oberfläche, die so schwer waren, daß ich sie für eine Art von Hämatit halten muß. Überhaupt interessierten ihn alle irgendwie aussergewöhnlich aussehenden Steine, genauso wie die regelmäßig doch eher spärliche Vegetation, man kann ihn zweifellos als Universalinteressierten bezeichnen. An einem der Folgetage wird er sich noch – fasziniert von einem von ihm entdeckten kleinen Paradies – so vergessen, daß wir trotz Einsatz der Autohupe nicht in der Lage sein werden, ihn zum Lager zurückzurufen. Erste Befürchtungen, das Summen der Wüstendämonen habe ihn hinweggetragen (literarisch interessierte Lovecraft-Leser kennen das im Cthulhu-Mythos immer wieder als „Necronomicon“ erwähnte Werk seines verrückten Arabers Abdul Al'hazred, das im Original „Kitab Al'Azif“ betitelt war, und damit auf eben jenes Summen verwies) erwiesen sich Gottseidank als unbegründet. Aber davon später mehr ...... :)

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11.12.2008 18:30 Xiphogonium is offline Send an Email to Xiphogonium Homepage of Xiphogonium Search for Posts by Xiphogonium Add Xiphogonium to your Buddy List YIM Account Name of Xiphogonium: xiphogonium
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hallo,
mal ne Frage am Rande;
gemäß der GPS Koordinaten der Lokalität zeigt mir google earth einen Punkt ,der schon auf algerischem Boden liegt? wei weit ist die Grenze eigentlich weg?

ciao


Andreas
14.12.2008 13:07
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Heiko zufolge ist es so, dass der Verlauf der Grenze von Marokkanern, wie auch von Algeriern unterschiedlich interpretiert wird. Ob Google Earth da eine klärende Quelle ist wage ich zu bezweifeln.

@ Mikos
Ein ausgesprochen schön zu lesender Bericht, der diech davor bewahrt, als bipeder Ballast tituliert zu werden.
Hast du die Reste von Bauwerken auf den letztn Bildern gesehen?

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14.12.2008 14:42 Schachtratte is offline Search for Posts by Schachtratte Add Schachtratte to your Buddy List
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@ Andreas - Ich habe nirgendwo GPS-Koordinaten genannt! Es ist aber marokkanisches Gebiet, ein paar Kilometerchen sind es noch bis Algerien.

@ Andreas - Wunschgemäß habe ich den Bericht in mehrere Teile aufgesplittet, damit das laden nicht ewig dauert.

@ Udo - Ich nehme an, ich wurde lediglich davor bewahrt von DIR als bipedaler Ballast bezeichnet zu werden! 8)

@ Udo - Welche Bauwerksreste meinst du genau?

Den nächsten Teil gibt es wohl am Montagabend.

Gruß

Mike

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14.12.2008 15:50 Xiphogonium is offline Send an Email to Xiphogonium Homepage of Xiphogonium Search for Posts by Xiphogonium Add Xiphogonium to your Buddy List YIM Account Name of Xiphogonium: xiphogonium
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Mike,
das mit den GPS Koordinaten war nicht auf dich / deinen Reisebericht bezogen; die stehen z Bsp in allgemeinzugänglicher Literatur wie z Bsp der Arbeit von GIBB 2007.

Andreas
14.12.2008 15:53
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Ich denke daß mit vielen unter den Trilo-Leuten gehandelten Lokalitäten in Marokko mitunter ziemlich große Gebiete gemeint sind .....

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14.12.2008 15:57 Xiphogonium is offline Send an Email to Xiphogonium Homepage of Xiphogonium Search for Posts by Xiphogonium Add Xiphogonium to your Buddy List YIM Account Name of Xiphogonium: xiphogonium
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