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Trilobiten unter Waffen

Mit Lanze und Schwert

Die wohl mit interessantesten und damit beliebtesten (und teuersten) Trilobiten sind jene, die durch ihr bizarres Äußeres auffallen: Die Stacheltrilobiten! Der Begriff ist natürlich kein wissenschaftlicher, sondern ein von Laien benutzer Ausdruck, der eigentlich alle Tiere umfaßt, die ihren Panzer mit Stacheln, Schwertern, Gabeln und Dreizack bestückten. Nicht nur in der Ordnung Lichida gab es diese Trilobiten, auch in anderen Taxa gab es hochgerüstete Ritter der paläozoischen Meere. Welche Aufgabe erfüllten diese bisweilen spektakulären Körperfortsätze?

Drotops armatusAls Fossiliensammler in Marokko die ersten einer ganzen Reihe äußerst ungewöhnlich aussehender Trilobiten ans Tageslicht brachten, hielt man diese Funde zuerst für Fälschungen, denn der schlechte Ruf, der - teilweise zu recht - vielen marokkanischen Präparaten anhaftete, ließ viele Fachleute und Sammler sehr vorsichtig werden. Als jedoch immer mehr dieser Fossilien auf den Markt kamen, nahmen sich auch die Wissenschaftler dieser Exemplare an und konnten bald ihre Authentizität feststellen. Natürlich waren viele Stücke teilweise restauriert, ergänzt oder rekonstruiert, die grundsätzliche Frage nach der eigentlichen Existenz dieser Arten war jedoch geklärt.

Natürlich waren auch schon vorher bizarr bestachelte Trilobiten aus Marokko und von anderen Orten der Welt bekannt. Der widderhörnige Trilobit Dicranurus zum Beispiel, der auch in den USA vorkommt, oder die schwerttragende Psychopyge. Und Joachim Barrande beschrieb schon im neunzehnten Jahrhundert Trilobiten aus Böhmen, wie Selenopeltis buchii, die stark bestachelt waren, und es gab dort noch zahreiche weitere Arten. Aus Deutschland war die Gattung Ceratarges seit langem bekannt, die mit ihren gebogenen und weit nach hinten reichenden Kopfstacheln sehr ungewöhnlich aussah. Es bestand daher nie ein Zweifel daran, daß die Bestachelung ein Charakteristikum mancher Taxa war.

Über Funktion und Bedeutung dieser morphologischen Eigenheiten ist man sich allerdings bis heute nicht einig. Man kann sie meiner Meinung nach grob in verschiedene Arten von Körperfortsätzen einteilen, die eventuell unterschiedliche Aufgaben hatten:

cranidiale, nach vorn gerichtete Fortsätze, wie Schwerter (Psychopyge) und Gabeln (Philonyx, Walliserops)
cranidiale, nach oben und hinten gerichtete Fortsätze, Kopfhörner (Dicranurus, Ceratarges)
genale, nach hinten gerichtete Fortsätze in Form verlängerter Wangenstacheln (Cyphaspis und viele andere)
pleurale, zumeist nach hinten gerichtete Fortsätze in Form verlängerter Pleurenenden (Selenopeltis, etc.)
Fortsätze in Form verschieden langer Stacheln im gesamten Bereich des Thorax (Terataspis, Drotops armatus)
pygidiale, nach hinten gerichtete Fortsätze in Form verlängerter Pygidialrippen (Kettneraspis, etc.) oder Telson.

Mrakibina cattoiNach vorn gerichtete Fortsätze, speziell dann wenn sie relativ lang waren, wurden bislang zumeist eher als Werkzeuge gedeutet als als Waffen oder sonstiges. So nahm man gerne an, daß der Trilobit Walliserops mit seiner langen Gabel im Sediment gestochert haben mag um eventuell sich darin befindliche Beutetiere oder Nahrungsquellen aufzuspüren. Gleiches nahm man vom Schwert des Trilobiten Psychopyge an. Ich persönlich halte diese Interpretation für wenig logisch, denn da diese Fortsätze erhalten geblieben sind, waren sie offenbar von der selben, rigiden Beschaffenheit wie der übrige Panzer des Trilobiten, also wenig beweglich. Es wäre doch anzunehmen, daß ein wesentlicher Bestandteil eines Werkzeuges seine Mobilität ist.

Vom Cranidium ausgehende und nach hinten reichende Fortsätze wie bei Dicranurus und Ceratarges werden häufig immer noch als Teil eines Verteidigungsapparates angesehen, der es eventuellen Freßfeinden erschweren sollte, ihre Beute zu überwältigen. Diese Art der Betrachtung macht aber wenig Sinn, denn selbst wenn sich der Trilobit in seine Verteidigungsstellung zusammenrollt, stehen diese Stacheln nicht in einem Winkel, daß ihre Spitzen eine effektive Abschreckung bewirken würden. Hier kommen meiner Meinung nach eher andere Bedeutungen in Betracht, auf die wir später noch eingehen werden.


Comura sp.Comura sp.
Wirkungsweise der Kombination von verlängerten Wangenstacheln und Pygidialstacheln während des Einrollens am Beispiel eines Trilobiten der Gattung Comura: Das Resultat ist ein für Beutejäger doch eher recht abschreckendes kleines Lunchpaket <g>. All line drawings on this page ©1999, 2000 by S. M. Gon III


Verlängerte Wangenstacheln scheinen hingegen einige recht unstrittige Funktionen übernommen zu haben. Sie waren erstens hilfreich beim Abstützen des Trilobiten auf dem Sediment, speziell beim Vorgang des Häutens bei manchen Gattungen (siehe: Häutung), und zweitens bildeten sie bei eingerollter Position des Trilobiten eine effektive Schutzbestachelung, da die Wangenstacheln in diesem Falle spitz nach außen standen und unangenehm aufgefallen wären, wenn man auf sie gebissen hätte (siehe oben).

Eoredlichida intermediaGleiches kann man sicherlich von den Pleuralstacheln und den pygidialen Fortsätzen annehmen, auch hier scheint relativ unstrittig, daß sie in eingerollter Position eine wirksame Verteidigungsfunktion inne hatten. Unzweifelhaft erscheint diese Funktion auch bei Trilobiten, die über ihren Thorax verteilt teils in definierten Reihen stehende, teils großflächig verteilte Stacheln verschiedener Länge aufweisen (Drotops armatus, Terataspis oder die russischen Hoplolichas). Hier kommt aber noch anderen Beobachtungen eine, wenn auch sekundäre, Bedeutung zu. Man fand nämlich heraus, daß viele dieser Stacheln hohl waren und wahrscheinlich an ihren Spitzen eine Art von sensorischen Härchen austraten, also eine Form von Wahrnehmungsorgan bildeten, die Strömungen, Vibrationen im Wasser, etc. erfassen konnten. Natürlich ist auch diese Interpretation nicht wasserdicht, sie erscheint mir aber nachvollziehbar und logisch.

Walliserops trifurcatusEine in letzter Zeit unter anderem von Richard Fortey eingeschlagene Interpretationsweise der bereits beschriebenen Schwerter, Gabeln, Dreizacke und Hörner ist eine, die mir seit meiner ersten Begegnung mit Dicranurus und anderen als mit die einleuchtendste und logischste erschienen war. Ich will für mich nicht in Anspruch nehmen, daß ich dem Meister in meinen Gedankengängen voraus war. Mein generelles Interesse an Natur und Umwelt und der Vergleich mit rezenten Lebensformen ließ mir diese Einschätzung jedoch von Anfang an und unabhängig von anderen Quellen als plausibel erscheinen: Daß nämlich manche dieser Fortsätze nichts anderes waren als Attribute im Geschlechterkampf! :-)

Richard Fortey hat 2005 in seinem zusammen mit Robert Knell verfaßten Artikel "Trilobite spines and beetle horns: sexual selection in the Palaeozoic?" - der Artikel ist im externen Dateiarchiv verfügbar - nach Untersuchungen an einer bestimmten Trilobitenfamilie die folgenden Schlüsse gezogen:

"Raphiophorid trilobites commonly bore median cephalic protuberances such as spines or bulbs, showing a remarkable variety of form. It is unlikely that their primary function was for protection or in hydrodynamics. A case is made that they were secondary sexual features, by comparison with similar morphological structures developed on rhinoceros beetles and other arthropods. This interpretation is supported by four lines of evidence: their ontogeny, their diversity, the existence of plausible examples of sexual dimorphs in some cases and the fact that they show positive allometry."

Ceratarges spinosusRezente Hirschkäfer benutzen ihre Zangen in erster Linie im Kampf um die Fortpflanzung, die Geweihe von Hirschen dienen dem selben Zweck, ebenso die Schwerter des Marlin. Insekten, Säugetiere und Fische teilen dieses Merkmal, und es gibt keinen Grund anzunehmen, daß dies nicht auch unter Trilobiten zumindest teilweise der Fall gewesen sein kann. Natürlich stellt sich dann die Frage: Handelte es sich bei den bewaffneten Trilobiten in erster Linie um männliche Tiere? Handelt es sich um nichts anderes als sexuellen Dimorphismus und wie sieht dann das weibliche Tier aus? Sind eventuell manche Arten, die wir beschrieben haben, in Wirklichkeit nichts anderes als lediglich unterschiedliche Geschlechter der selben Art? Man bedenke nur die extremen Unterschiede im Aussehen bestimmter Vögel, wie bei manchen Wildenten und tropischen Papageien! Fragen über Fragen.

Viele dieser Fragen wurden übrigens auch in unserem Forum diskutiert. Interessierten Mitmenschen sei daher der weiterhin zugängliche Thread dort empfohlen: Deutungsversuche von Glabellafortsätzen.

In jedem Falle sind die bestachelten Trilobiten für den Sammler ein faszinierendes Gebiet. Durch die zumeist schwierige Präparation dieser filigranen Fossilien allerdings auch ein teures Vergnügen, insofern man nicht selbst präpariert. Zudem gehören sie zu den bevorzugten Objekten dubioser "Präparatoren", die durch großflächige Ergänzungen oder sogar mehr oder weniger komplett gefälschte Exemplare den schnellen Dollar oder Euro machen wollen. Das sollte den Sammler aber nicht davon abhalten, sich mit diesen faszinierenden Trilobiten näher zu beschäftigen.

Die Stacheltrilobiten in ihren zahlreichen Formen stellen nicht nur in ihren Ansprüchen hinsichtlich der Präparation, sondern auch hinsichtlich der funktionalen Bedeutung ihrer Morphologie für die Wissenschaft eine beachtenswerte Herausforderung dar! Es bleibt zu hoffen, daß wir in Zukunft durch weitere professionelle Bearbeitungen gerade der marokkanischen Fauna weitere und detailiertere Erkenntnisse über die bizarrsten und sicher interessantesten Trilobiten der Welt gewinnen können.

Ptychopyge elegans

© Image of Walliserops trifurcatus on this page courtesy of PaleoDirect.

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Letzte Aktualisierung: Samstag, 30.01.2010 16:47